Rapunzel

Heute morgen bin ich aufgestanden und hatte keine Ahnung von dem, was ich jetzt weiß. Ich hätte niemals auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass solch absurde Dinge wirklich passieren konnten und dann auch noch ausgerechnet mir selbst, Millla Eavon.
Um etwas über mich zu sagen:
Ich bin 14 Jahre alt, habe außergewöhnlich sonnengebräunte Haut, obwohl ich die Urlaubssonne in warmen Ländern noch nie gesehen habe und schwarze, schulterlange Haare. Meine Statur an sich ist zierlich und schmal, wie alles an mir. Ich wirke wohl sehr zerbrechlich. Woran das liegt, weiß ich nicht. Ich würd es zu gern ändern. Ich habe hellgrüne Augen. Das kingt in meiner Fantasie immer sehr außergewöhnlich und wunderschön. In der Realität sind sie leider ziemlich gewöhnungsbedürftig und besstenfalls interessant. Es sieht aus als hätte ich meine Augenfarbe von einem welgen Efeublatt geerbt. Meine Haare waren bis vor einigen Tagen hüftlang und das Einzige an mir, was ich mochte. Meine Mutter hat darauf bestanden, dass ich sie abschneide, damit man mich nicht für Rapunzel hält.
Aber sie hat es nicht geschafft diese Vorstellung aus meiner Kopf zu verbannen. Für mich ist Rapunzel eine große Schwester, ein Vorbild. Sie ist mir sehr ähnlich, was für die meisten wohl sehr komisch klingen würde, wenn es denn jemals jemand hören würde.
Rapunzel steht für eine ziemlich grausige Kindheit und Gefangenschaft. Aber sie wagt es einfach nicht der bösen Hexe zu wiedersprechen, weil sie sie für ihre Mutter hält. Sie ist sehr gehorsam, träumt aber heimlich von der Freiheit.
Ich bin wie sie.

Das ganze ist so:
Meine Mutter hat mir erst vor einigen Tagen gesagt, dass sie nicht meine richtige Mutter ist. Sie hätte es mir wohl immer verschwiegen, doch als mein vermeintlicher Vater letzten Monat vestorben ist fühlte sie sich gezwungen mir die Wahrheit anzuvertrauen.
"Milla", hat sie leise gesagt und sich abends auf meine Bettkante gesetzt. "Milla, ich muss dir etwas wichtiges sagen". Meine Augen waren verweint. Ich hatte den ganzen Tag im Bett gelegen und vor mich hin geweint. Ich hatte eine sehr wichtige Person verloren und hatte keine tröstenden Worte erhalten, von irgendjemandem. Die Frau, die vorgab meine Mutter zu sein, nennen wir sie jetzt einfach mal Carolin, denn so nenne ich sie seit einigen Tagen, war selbst zu traurig und verzweifelt gewesen um irgendwas zu sagen und es hatte mich schon fast erschreckt, als sie doch das Wort an mich richtete.
"Es ist so", hatte sie begonnen und verzweifelt und fast hilfesuchend erst in mein linkes und dann in mein rechtes Auge geschaut, als wäre dort eine Antwort auf das Problem versteckt.
"Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir das sagen soll", gab sie leise zu und schaute schließlich auf ihre Knie.
"Ich bin nicht deine Mutter, Milla. Deine Mutter ist tot".
Sie ist einfach raus gegangen und hat mich allein gelassen. So, wie sie es mein Leben lang getan hat. In diesem Moment wurde mir klar, woran das lag. Sie kannte mich nicht, sie hatte keine wirkliche Verbindung zu mir. Sie war nicht meine Mutter!

An diesem Abend habe ich angefangen mich zu fragen, wie einem einzelnen Menschen so viel Unglück wiederfahren kann. Ich meine, warum verteilt es sich nicht auf andere Menschen, warum trifft es mich?
Eigentlich war es ja typisch für mich. Mein ganzes Leben war schon vorher nicht wirklich das schönste und glücklichste gewesen. Vermutlich hatte ich irgendetwas zu begleichen, was meine leiblichen Eltern verbrochen hatten. Carolin hat mich später gefragt, ob ich mehr über meine leiblichen Eltern wissen wollte, aber ich war mir da gar nicht so sicher. Wollte ich erfahren, wer sie waren, dass sie mich einfach so weggegeben hatten? Wollte ich die Gründe dafür genannt bekommen?
Alles kam mir vor wie ein schrecklicher Albtraum. Trotz meiner Bedenken entschied ich mich jedoch dafür, alles über Annabelle und Maximilan Harrison herauszufinden. So heißen sie, meine richtigen, leiblichen Eltern.
Carolin hat mir eine Akte gegeben. Darin standen Namen, Geburtsdaten und ein ziemlicher wager Lebenslauf. Ich habe sie nicht gefragt, warum der in einer Adoptionsurkunde steht.

Als Carolin aus dem Haus ging um einen alten Freund zu treffen, bei dem sie sich ausheulen konnte, machte ich mich ans Koffer packen. Meine leiblichen Eltern würde ich finden und sie würden mich lieben. Dass meine Mutter tot war, konnte und wollte ich nicht glauben. Irgendwo da draußen war sie noch.
Übers Internet habe ich eine Argentur gefunden. Sie verspricht vermisste Familienmitlieder und alte Freunde wieder zu finden. Es kostete einen ganzen Batzen Geld, aber ich plünderte mein Sparschwein, in dem sich vierhundertachtundsechszig Euro befanden und schnappte mir die Kreditkarte von Carolin. Ihre Kartennummer hatte sie in ihrem Nachtschränkchen, wie ich nach erbitterter Suche herausfand.
Hektisch packte ich meine Sachen und verließ das Haus. Es lag hinter mir, wie eine andere Welt, die ich nie mehr betreten wollte. Dort war zu viel Schlimmes passiert. Das neue Leben, welches nun vor mir lag würde mich willkommen heißen und ich würde es lieben.

Die Argentur zu erreichen war ein Abenteuer. Ich suchte mir einen langen Weg, durch die ganze Stadt, Bus, Bahn, geklautes Fahrrad und sogar einmal per Anhalter. Endlich erreichte ich das hohe Gebäude mit den Leuchttafeln daran.
"Old Friend", blinkte über meinem Kopf, als ich die Tür aufdrückte und eintrat. in der dritten Etage wurde ich von einer Dame empfangen, die mich gleich in ein Zimmer führte, mit einem Schreibtisch und mehreren Stühlen darin. Sie lächelte mir zu und ich setzte mich unsicher. Der Laden war sehr schick und ich wusste nicht so recht, wie ich mich benehmen sollte.
Endlich trat ein junger Mann ein. Er trug einen alten, ausgeblichenen Anzug in grau, was wohl einmal schwarz gewesen war und hatte wenig, blondes Haar.
"Was kann ich denn für dich tun, junges Fräulein?", fragte er mich freundlich und setzte sich.

Sirenen hallten in meinen Ohren. Ich stolperte, tränenblind und landete im Graben, neben der einsamen Landstraße. Aufzustehen versuchte ich erst gar nicht. Sanft hoben mich starke Hände an und geleiteten mich zu einem Polizeiwagen. Ich stieg schluchzend ein.
Was war passiert? Ich hätte einfach meine Eltern auf eigene Faust suchen sollen. Stattdessen hatte ich diesem Typen alles erzählt und er hatte sofort die Polizei gerufen.
"Ein kleines, verwirrtes Mädchen will ihre leiblichen Eltern finden, die schon lange tot sind!", hatte er ins Telefon gerufen, nachdem er aus dem Zimmer gestürzt war. Ohne meine Sachen zu nehmen war ich davon gelaufen. Die Treppen hinunter, die Straße entlang, durch enge Gassen und schließlich hinaus aus der Stadt. Eine Straße, keine fünf minuten von der Argentur eintfernt führte ins Grüne und dort befand ich mich jetzt. Das heißt, jetzt befand ich mich auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens, der mich zurück brachte, zurück zu Carolin und dem alten Leben, welches ich nie mehr betreten wollte.

Wie lang ist es her, dass ich das gedacht habe? Keine 24 Stunden. Wieder einmal hat mir die Welt auf schmerzhafte Weise zu verstehen gegeben, dass Träume im System einfach keinen Platz finden. 

 Somniahortus©

 

Diese Geschichte hat einen etwas merkwürdigen Ausgang, für welchen ich mich entschuldigen möchte. Aber ich habe sie unter leichtem Zeitdruck geschrieben und hoffe, dass sie euch dennoch gefällt.

Eure Somalia 

18.3.15 20:29, kommentieren